Warum bin ich so streng mit mir?

Veröffentlicht am 7. April 2026 um 19:23

Selbstkritik als Überlebensstrategie verstehen

Viele Menschen erleben, dass sie sehr streng mit sich selbst sind.
Ein innerer Anteil bewertet, kritisiert oder setzt unter Druck – während ein anderer Teil sich klein, erschöpft oder sogar wie abgeschnitten fühlt.

Manchmal entsteht daraus das Gefühl, „nicht ganz eins“ zu sein. Als würden unterschiedliche Seiten in uns gegeneinander arbeiten.

Was zunächst wie ein Problem wirkt, hat oft eine tiefere Bedeutung.

Selbstkritik und innere Spaltung – was steckt dahinter?

In der psychotherapeutischen Arbeit zeigt sich häufig, dass solche inneren Spannungen kein Zufall sind.
Sie können Ausdruck einer inneren Spaltung sein – also dem Erleben, dass unterschiedliche Anteile in uns verschiedene Rollen übernommen haben.

Ein Teil übernimmt dabei oft die Rolle des Kritikers:

er bewertet

er kontrolliert

er versucht, Fehler zu vermeiden

Ein anderer Teil trägt eher:

Unsicherheit

Verletzlichkeit

Überforderung

Diese Dynamik kann sich wie Selbstentfremdung anfühlen – als wäre man nicht mehr ganz verbunden mit sich selbst.

Selbstkritik als sinnvolle Überlebensstrategie

So belastend Selbstkritik heute sein kann – ursprünglich ist sie oft eine sinnvolle Überlebensstrategie gewesen.

Gerade in frühen Erfahrungen kann es notwendig gewesen sein:

sich anzupassen

Fehler zu vermeiden

Erwartungen zu erfüllen

Kontrolle zu behalten

Ein kritischer innerer Anteil kann dann helfen:

Zugehörigkeit zu sichern

Konflikte zu vermeiden
emotionale Überforderung zu reduzieren

Aus dieser Perspektive ist Selbstkritik nicht „gegen uns“, sondern ein Versuch, uns zu schützen.

Der Preis im Hier und Jetzt

Was früher hilfreich war, kann im heutigen Leben belastend werden.

Dauerhafte Selbstkritik kann dazu führen, dass:

wir uns innerlich unter Druck setzen

der Kontakt zu eigenen Bedürfnissen verloren geht

ein Gefühl von Distanz zu uns selbst entsteht

Viele Menschen beschreiben genau das als Selbstentfremdung:

„Ich funktioniere – aber ich fühle mich nicht wirklich verbunden mit mir.“

Ein neuer Blick: Verstehen statt bekämpfen

Ein wichtiger Schritt kann darin liegen, die Perspektive zu verändern.

Nicht:

„Wie werde ich diesen kritischen Anteil los?“

Sondern eher:

„Was versucht dieser Anteil für mich zu tun?“

Wenn Selbstkritik als Teil einer inneren Schutzstrategie verstanden wird,
entsteht oft etwas Neues:

mehr Verständnis

mehr Mitgefühl

weniger innerer Kampf

Ein vorsichtiger Umgang mit sich selbst

Vielleicht geht es nicht darum, die innere Spaltung sofort aufzulösen.
Sondern zunächst darum, die verschiedenen Anteile wahrzunehmen und ihre Funktion zu verstehen.

Der kritische Anteil ist dann nicht mehr nur „der Feind“,
sondern ein Teil mit einer Geschichte.

Und genau dort kann Veränderung beginnen:


In einem ersten Schritt von Selbstverstehen statt Selbstbewertung.


Ein wichtiger Schritt kann darin liegen, wieder achtsam mit sich selbst in Kontakt zu kommen.
Sich den eigenen inneren Anteilen vorsichtig zuzuwenden, statt sie zu bewerten oder zu bekämpfen, kann helfen, sich nach und nach wieder verbundener und „ganzer“ zu fühlen.

 

In meiner Arbeit begleite ich Menschen genau auf diesem Weg.


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